Dem Ball is' egal wer ihn tritt
Das andere Fanprojekt
B.A.F.F.
Bündnis aktiver Fußballfans
Hintergrund
CHRISTOPH HÜBNER Geboren 1948 in Heidelberg, Abitur in Hamburg. Jurastudium in Heidelberg. 1967 beginnt Hübner mit fotografischen Arbeiten und Theaterarbeit im „Theater im Gewölbe” in Heidelberg. Er setzt sein Jurastudium in München fort, bevor er 1971 an die Hochschule für Fernsehen und Film München wechselt. Von 1975 - 1978 hat Hübner eine Professur an der Filmklasse der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg inne. Später nimmt er weitere Lehrtätigkeiten an verschiedenen Universitäten, Kunstakademien und Filmhochschulen an und reist für das Goethe- Institut in alle Welt.
Seit 1975 ist Christoph Hübner zugleich als Regisseur und Produzent tätig. 1978 wechselt er ins Ruhrgebiet, dort Gründung des RuhrFilmZentrums und der Christoph Hübner Filmproduktion. Schwerpunkte seiner Filme: Lebensgeschichten, das Ruhrgebiet, Künstler, das Filmemachen – oft in Zyklen. Die Filme, die zumeist in Zusammenarbeit mit Gabriele Voss entstehen, werden im Fernsehen, aber auch im Kino gezeigt. Sie erhalten internationale Aufmerksamkeit und zahlreiche Preise, darunter den Adolf-Grimme-Preis, den Jugendfilmpreis Oberhausen, den Wittener Kunstpreis und den Spezial Award FFA Paris.
GABRIELE VOSS Geboren 1948, Klosterschule, Abitur. Dolmetscherstudium Französisch und Russisch, abgebrochen, dann Germanistik und Soziologiestudium. Theaterarbeit in Heidelberg und München, Promotion Dr. phil. über Wahrnehmungstheorie und Ästhetik.
Seit 1972 Filmarbeit, überwiegend in Zusammenarbeit mit Christoph Hübner. Mitbegründung des RuhrFilmZentrums. Lehrtätigkeiten an Hochschulen und Universitäten. Reisen für Goethe-Institute mit eigenen Filmen. 1985 Geburt des Sohnes David. Arbeitsschwerpunkte: Buch, Dramaturgie, Montage.
Zahlreiche Veröffentlichungen, darunter „Die Kunst, die Welt zu zeigen” (1980), „Der zweite Blick” (1983), „Dokumentarisch Arbeiten” (1998) und „Ins Offene - Dokumentarisch Arbeiten II” (2001).
Auswahl gemeinsamer Filme
1978 / 1979 Lebensgeschichte des Bergarbeiters Alfons S. (8 Teile)
1979 - 1998 PROSPER/EBEL – Chronik einer Zeche und ihrer Siedlung (6 Filme)
1985 - 1993 Menschen im Ruhrgebiet (5 Filme)
1988 / 1989 Vincent van Gogh - Der Weg nach Courrières
1993 / 1994 Anna Zeit Land 1994-2001 Dokumentarisch arbeiten (13 Folgen)
2001 / 2002 Wagner || Bilder
1998 - 2003 Die Champions
Interview
Ihr habt fünf Jahre lang an diesem Projekt gearbeitet. Was stand am Anfang als Idee?
Christoph Hübner: Ich wollte schon lange einen Film über Fußball machen. Aber kein Hochglanzdokument über fertige Stars, sondern über den Alltag, die Arbeit, den Traum, es bis nach ganz oben zu schaffen. Die Idee, einen Film über junge Fußballer zu machen, kam mir, als ich meinen Sohn in seinem kleinen Ortsverein spielen sah und dachte, alle träumen sie irgendwie vom großen Fußball. Daß es für den Film dann die Jugend von Borussia Dortmund wurde, hat damit zu tun, dass dort damals wohl die erfolgreichste Jugendarbeit in Deutschland betrieben wurde. Die A-Jugend war gerade zum fünften Mal hintereinander deutscher Meister geworden. Mit den Spielern dieser A-Jugend habe ich dann 1998 angefangen zu drehen und wollte sie begleiten bis zu dem Zeitpunkt, wo sich ihre weiteren Karrieren entscheiden.
Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach ist, ein Projekt, das einen so langen Atem braucht, zu realisieren.
Gabriele Voss: Das ist richtig. Einen langen Atem braucht man schon in der Vorbereitungsphase, denn allein die Finanzierung eines solchen Projekts ist sehr aufwendig. Bis der erste Zuschlag vom Kuratorium junger deutscher Film kam, hat es schon einige Zeit gedauert. Danach wurde es leichter. Die Filmstiftung NRW und das BKM haben das Projekt dann auch gefördert. Nach ungefähr eineinhalb Jahren Vorlauf konnten wir mit den Dreharbeiten beginnen. Aber auch dann läuft ein solches Projekt ganz anders ab als üblich. Es gibt keine von vorn herein festgelegten Drehpläne, man muß sehr flexibel sein, manchmal sehr spontan und schnell reagieren. Und eigentlich auch Kamera und Ton immer drehbereit haben. Uns war eigentlich von Anfang klar, daß wir über diesen langen Zeitraum ziemlich angebunden sind, auch wenn das nicht heißt, jeden Tag zu drehen. Oft war auch gerade diese Entscheidung sehr schwer: was soll man drehen und wann, und wann haben wir schon genug und welcher Spieler und welcher Anlass ist für unsere Geschichte wichtig und welcher nicht?
Wie habt ihr die vier Spieler für den Film ausgewählt?
Christoph Hübner: Anfangs stand überhaupt nicht fest, mit wem wir drehen werden. Ich dachte auch, dass es mit der Auswahl der Spieler sehr viel schneller geht. Aber dann gab es so viele interessante Spieler und Geschichten. Am Anfang waren es zwölf. Bis zum Schluß habe ich dann mit acht oder neun Spielern durchgehend gedreht. Es war einfach lange nicht klar, wer den Durchbruch schaffen wird und welche Entwicklung für den Film von Interesse ist. Es gab übrigens auch immer wieder unterschiedliche Einschätzungen der Trainer.
Wie haben sich die Vier dann herauskristallisiert?
Christoph Hübner: Es war wichtig, daß die Geschichten der vier Spieler zusammen ein Ganzes ergeben. Alle vier sind interessante Typen, es gab ein Vertrauensverhältnis, sie haben sich für den Film geöffnet. Dann ging es auch um die Perspektiven der einzelnen. Es sollten schon Spieler sein, die das Potential haben, ihren Weg zu machen. Am Ende war für die Auswahl aber auch wichtig, daß die einzelnen Geschichten und Spielertypen jeder für sich unterschiedlich sind und nicht zu ähnlich.
Wie bist Du von den Fußballern aufgenommen worden?
Christoph Hübner: Ich hatte ein gutes Entree. Die Anfänge des Projekts sind von Otmar Hitzfeld und Michael Skibbe begleitet worden, und über die Jugendtrainer wurde ich bei den Mannschaften eingeführt. Ich habe dann immer kurz erzählt, was ich vorhabe, zum Beispiel in der Kabine oder gegenüber einzelnen Spielern. Das wurde akzeptiert, und dann nahm alles seinen Lauf. Das Vertrauen wuchs, und über die Dauer des Projekts wurde ich langsam zum Gewohnheitsgast und fiel gar nicht mehr auf.
Hatten die Spieler von Anfang an Lust, bei dem Film mitzumachen?
Christoph Hübner: Ich weiß es nicht. Es hat jedenfalls keiner entschieden „Nein” gesagt. Ich habe mit allen am Anfang ein langes Interview gemacht und dann immer von Fall zu Fall gefragt. Und mit der Zeit hat sich ein Vertrauen und eine Nähe entwickelt.
Hatten die Jugendlichen keine Angst vor der Kamera?
Christoph Hübner: Die Profispieler haben ja schon viel Erfahrung mit den Medien, sie sind entsprechend vorsichtig. Das ist noch nicht so ausgeprägt bei der A-Jugend. Das merkt man auch im Film. Je höher die kommen, desto mehr Erfahrungen machen sie mit den Medien, verbrennen sich vielleicht auch mal den Mund, werden falsch zitiert, und dann setzt die Vorsicht ein. Im Film zeigen wir das, was die Jugendlichen bereit waren, von sich zu zeigen - nicht mehr und nicht weniger. Unter anderem gibt es auch deshalb kein Wort Kommentar. Es gibt nur Zwischentitel, und zwar dort, wo sich der Fortgang der Geschichte nicht allein aus den Szenen erklärt.
War es schwierig, prominente Bundesliga-Trainer wie Michael Skibbe oder Matthias Sammer für eine Mitarbeit zu gewinnen?
Christoph Hübner: Eigentlich nicht. Michael Skibbe war ja einmal Jugendkoordinator bei Borussia Dortmund. Daß wir die Jugendarbeit so intensiv und genau beobachten wollten, gefiel ihm auch. Und Matthias Sammer ist ein Trainer, der immer wieder junge Spieler in den Kader der Profis einbezieht.
Und die Nachwuchstrainer?
Christoph Hübner: Sie waren für mich überraschend offen. Ich dachte anfangs, daß es da viele Geheimnisse gibt, was zum Beispiel die Trainingsmethoden betrifft. Mit der Zeit aber hat sich wohl herumgesprochen, daß ich mir anvertraute Dinge nicht ausplaudere und meine Arbeit ernst nehme. Daraus hat sich dann ein Vertrauen entwickelt bei den Trainern und bei den Spielern. Was ich mache, unterscheidet sich ja vom Sensationsjournalismus. Wenn die Leute sehen, daß man ernsthaft und geduldig arbeitet und nicht nur an Schlagzeilen interessiert ist, dann öffnen sie sich und nehmen ihrerseits die Arbeit ernst.
Ist es nicht ungewöhnlich, dass in der Kabine gedreht werden konnte?
Christoph Hübner: Ja, das ist ein großes Privileg. Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, auf die Weise dabei zu sein. Ich bin dafür sehr dankbar.
Gabriele Voss: Das hängt auch damit zusammen, daß Christoph mit der Kamera sehr oft allein dort gewesen ist, ohne Team. Es wurde kein Licht aufgestellt, kein Stativ, Christoph war ganz beweglich mit der Kamera. Er hat sich den Abläufen vor der Kamera zugeordnet. Keiner mußte warten, bis eine Crew drehbereit war. Die Anwesenheit der Kamera war insofern kein Störfaktor in der Situation.
Wie sah der Alltag der Arbeit aus?
Christoph Hübner: Ich dachte nicht, daß die Arbeit so intensiv werden würde. Anfangs wollte ich ein- oder zweimal in der Woche hingehen, es wurde dann immer mehr. Während der drei Jahre Dreharbeiten war ich manchmal einen Tag nach dem anderen in Dortmund. Da wurde dann nicht immer gedreht, manchmal war ich nur so dabei. Aber dieses Dabeisein ist wichtig, um überhaupt zu entscheiden, was ich drehe. Und unvorhergesehen passieren oft die interessantesten Dinge, die man eben nicht vorausplanen kann. Wenn ich zum Beispiel im Jugendhaus angerufen hätte mit der Frage; „Was ist los?”, um zu entscheiden, ob ich drehe, wäre die Antwort wahrscheinlich gewesen: „Nichts Besonderes!” Die kleinen Dialoge beim Essen, das Rumhängen u.ä. schien den Jugendlichen für den Film nicht besonders wichtig. Diese Dinge sind aber ein wesentlicher Teil der Geschichte. Sie schaffen erst eine dichte Atmosphäre. Man kann sie aber nicht abfragen, um einen Drehplan zu machen und ein Team zu bestellen. Ich fühlte mich oft wie in einem ständigen Bereitschaftsdienst.
Haben die Jugendlichen neben dem Fußball auch ein Medientraining?
Christoph Hübner: Ich habe mal angeregt, daß das angeboten wird. Bisher gibt es das nicht. Wenn ein jugendlicher Spieler zum ersten Mal in der Profimannschaft ist, gibt Matthias Sammer manchmal sogar Interviewverbot. Aber eigentlich um den Spieler davor zu schützen, daß die Journalisten sich auf ihn stürzen. Das ist mir auch einmal passiert.
Kann man den Umgang mit den Medien lernen, indem man vor ihnen geschützt wird?
Christoph Hübner: Am Anfang besteht die Gefahr, dass die Jugendlichen bei zu viel Medienaufmerksamkeit den Boden unter den Füßen verlieren. Wenn man bei Borussia Dortmund spielt, denken viele schon: Ich hab's geschafft. Viele haben dann Flausen im Kopf und sind zu früh zufrieden. Es ist immer noch ein Unterschied, ob ich mich in der A-Jugend durchsetze oder bei den Amateuren, oder ob ich zu den Profis komme.
War es von Anfang an klar, daß der Film bei Borussia Dortmund gedreht wird?
Christoph Hübner: Es gab am Anfang die Überlegung, eventuell zwei Vereine parallel zu zeigen. Bochum, aber auch Ajax Amsterdam waren eine Zeitlang im Gespräch, weil auch Amsterdam bekannt ist für die gute Jugendarbeit. Das gilt aber auch für Dortmund. Dortmund war von Anfang an der Favorit.
Wieviel Material habt ihr gedreht?
Gabriele Voss: 400 Stunden Material sind entstanden. Als ich mit der Montagearbeit anfing, habe ich mich an Robert Flaherty, den amerikanischen Dokumentarfilmer erinnert, der einmal sagte, er schaue sein Rohmaterial erst sechsmal an, bevor er mit dem Schnitt beginnt. Aus Spaß habe ich einmal ausgerechnet, was das für uns heißen würde: Allein, um das Material nur einmal anzusehen, wären wir zwei Monate beschäftigt. Um es für die Montage vorzubereiten, habe ich tatsächlich weit mehr Zeit gebraucht.
Wie habt ihr die Szenen ausgewählt?
Gabriele Voss: Wir hatten keinen von vorn hinein festgelegten Ablauf, so etwas wie ein Drehbuch beim Spielfilm. Die Geschichten entwickelten sich mit der Zeit und im Tun. Wir haben notwendigerweise ins Offene gedreht. Am Ende hatten wir dann so viele gute und wichtige Geschichten, dass es schwierig war, zu entscheiden, was herausfallen soll. Wir mussten eine Konzentration im Material finden, ohne an Qualität zu verlieren.
Was war der rote Faden?
Gabriele Voss: Es gab eine klare Prämisse am Anfang: Die jungen Spieler wollen Profis werden. Im Film geht es um den Weg dahin. Wir zeigen, was dazu gehört, was man tun muss, was es für Schwierigkeiten gibt, was für Widerstände, zum Beispiel Verletzungen. Der Film zeigt auch, daß es um Charakter und Persönlichkeit geht. Die Prämisse des Anfangs half schließlich auch, in der Menge des Materials ein Ende für die einzelnen Geschichten zu finden. Das Leben der jungen Spieler bleibt natürlich über den Film hinaus interessant.
Du hast von Charakter und Persönlichkeit gesprochen - was meinst du damit?
Gabriele Voss: Ich will vorausschicken, daß ich hier natürlich Eindrücke beschreibe, die im Umgang mit dem Material am Schneidetisch entstanden sind. Mir fiel zum Beispiel auf, wie schnell man Siege und Niederlagen verarbeiten muss. Man kann sich nicht eine Woche lang hängen lassen, weil man am Sonntag verloren hat. Disziplin im Umgang mit den eigenen Gefühlen ist ganz wichtig. Man kann nicht sagen: „Heute habe ich keinen Bock!” Man muss jeden Tag wieder zum Training gehen, und das über Jahre. Das verlangt ein hohes Maß an Selbstbeherrschung und das kann man im Film auch sehen. Wenn sich jemand ungerecht behandelt fühlt, bringt es nichts, seine Wut im Spiel oder Training auszuleben. Wie geht man mit seinen Gefühlen in so einem Fall dann um? Wenn das gelingt, zeugt das schon von einer gewissen charakterlichen Stärke.
Das kommt in der Schlußszene des Films ganz gut heraus, in der Heiko ins Westfalenstadion zurückkommt und auf seine Zeit bei Borussia Dortmund zurückblickt.
Gabriele Voss: Da geht es um Selbsterkenntnis. Was sind meine Fähigkeiten? Oder sind nur die anderen daran schuld, daß ich es nicht schaffe? Es ist schon sehr viel, wenn man in der Lage ist, das eigene Können und die eigenen Fähigkeiten ins Verhältnis zu setzen zu den Wünschen und Träumen. Es geht auch um Kritik und Selbstkritik. Die jungen Fußballer müssen lernen, damit umzugehen. Vielleicht müssen sie schon früh ziemlich erwachsen sein, vielleicht zu früh für manche. Heiko Hesse sagte einmal, daß es für ihn ein Privileg sei, in der Jugend von Borussia Dortmund zu spielen, weil er so nicht auf dumme Gedanken kommen konnte und keine Langeweile hatte. Die Jugendlichen gehen neben dem Fußball in die Schule oder die Lehre und haben am Wochenende meistens ein Spiel. Durch internationale Turniere und die Begegnung mit ausländischen Jugendmannschaften lernen sie aber auch schon früh eine ganz andere Welt als nur ihre eigene und die des Fußballs kennen.
Wie war die Zusammenarbeit zwischen Drehen und Montage?
Christoph Hübner: Es gab immer einen Dialog unter uns, eine Rückmeldung. Was von Gabi am Schneidetisch kam, war ganz wichtig, weil sie den Überblick über das Material hatte. So konnten wir entscheiden, an welcher Stelle noch mehr gedreht werden muß und was.
Gabriele Voss: Der Film ist an zwei Orten entstanden. Der eine Ort ist Borussia Dortmund und der andere Ort ist der Schneidetisch. Wenn Christoph gedreht hat, habe ich am Schnittplatz gesessen und das Material hin und her gewälzt, mir die Entwicklungslinien klargemacht, geguckt, wo der Einzelne gerade steht, was das in Bezug auf das bedeutet, was wir erzählen wollen. Und mit dem Fortschritt der Arbeit hat sich dann nach und nach auch die Form und der Ablauf der Erzählung gefunden.
Ist der Film DIE CHAMPIONS auch ein Film über das Ruhrgebiet?
Christoph Hübner: Das ist schon ein Film über das Ruhrgebiet, auch wenn die Mutter von Heiko Hesse aus Thailand kommt und Mohammed aus Ghana und Claudio aus Chile. Aber es ist kein Ruhrpottfilm. Wir haben in einer Phase gedreht, in der viele Talente aus dem Ausland hergeholt wurden. Der Film hat aber auch deshalb viel mit dem Ruhrgebiet zu tun, weil das Ruhrgebiet schon lange ein Schmelztiegel ist.
Gabriele Voss: Das, worum es im Film geht, kann aber genausogut in Bayern oder in Spanien oder sonstwo in der Welt passieren. Es hat auch nicht nur mit Fußball zu tun. Das, was wir zeigen, kann man auch auf andere Spitzenleistungen übertragen wie die von Musikern, die auch sechs Stunden am Tag üben müssen. Die Jungen, die ihren Traum vom Profifußball verwirklichen wollen, müssen eben jeden Tag zum Training und haben am Wochenende ihren Auftritt.
Was muß einer mitbringen, damit er es bis zum Profi schafft?
Christoph Hübner: Das erste Kriterium ist natürlich das Talent. Bei den Jugendlichen sieht man schon, wie sie sich bewegen, wie sie mit dem Ball umgehen, die Schnelligkeit. Aber Talent haben sie alle bei Borussia Dortmund. Was sie aber daraus machen, das entscheidet sich dann erst später. Da zählen Wille, Disziplin, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen, auch Persönlichkeit. Diese Eigenschaften werden mit zunehmendem Alter immer wichtiger.
Wie werden die Jugendspieler denn für Borussia Dortmund ausgewählt?
Christoph Hübner: Die werden gesichtet. Es gab damals richtige Späher, die Talente im In- und Ausland ausgeguckt haben. Claudio Chavarria wurde auf einem Turnier in Holland entdeckt. Oder bei Junioren-Weltmeisterschaften zum Beispiel sind die großen Vereine immer vertreten. Dann werden interessante Spieler für zwei Wochen zum Probetraining eingeladen, danach wird entschieden, ob sie aufgenommen werden. Andere kommen über die Westfalenliga in die Auswahllehrgänge. Die Trainer stehen dort am Rand und gucken sich die Spieler aus.
Kannst du noch etwas zur Kameraarbeit sagen?
Christoph Hübner: Sehr oft waren wir nur zu zweit oder ich ganz allein mit der Kamera vor Ort. Das ist natürlich eine Anforderung: gleichzeitig Autor und Kameramann. Aber zugleich gibt es dann keine Distanz mehr zwischen dem Blick der Kamera und mir. Ich bin wirklicher Beobachter, komme auch weniger in die Gefahr, zu viele Fragen zu stellen oder mich zu sehr einzumischen. Das ist eine gute Übung. Dann kann man der Kameraarbeit im Film auch eine Entwicklung ansehen. Am Anfang, in der ersten Saison scheint sie oft noch zögerlich, sich orientierend, auch weiter weg. Und ab der zweiten Saison wirkt die Kamera entschiedener, sie weiß mehr was sie will, wagt mehr Ausschnitte und szenische Auflösungen.
Wie hast du bei Trainings und Spielen gedreht?
Christoph Hübner: Wir konnten natürlich nicht konkurrieren mit dem Aufwand, den Premiere oder Sat 1 bei Fußballübertragungen betreiben - mit mehreren Kameras, Kränen, Zeitlupe etc. So haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und uns bei den Spielen meist auf einzelne Spieler konzentriert. Bei den Trainingsaufnahmen ging es mir vor allem darum, den Alltag, die Arbeit, die Anstrengung und auch die Monotonie zu zeigen und nicht nur, wie elegant einer mit dem Ball umgeht. Der ganze Film hat ja auch diesen alltäglichen Blick - das ist für mich eine seiner großen Qualitäten.
Alle Beteiligten zeigen sich sehr offen und erzählen viel über sich selbst.
Gabriele Voss: Daß die Spieler uns und den Zuschauern so einen Einblick in ihr Leben gewähren, muß man erst einmal würdigen. Das ist nicht selbstverständlich. Denn es geht da nicht nur um Erfolge, die jeder gern vorzeigt. Es geht auch um Misserfolg und Scheitern und natürlich darum, wie man das für sich selbst definiert. Es ist nicht leicht, sich in der Öffentlichkeit so zu zeigen und dazu zu stehen, dass der Traum von einer Karriere sich immer auch ganz nah am Abgrund bewegt.
Ist das der erste Film über den Profinachwuchs?
Christoph Hübner: Es gab früher mal einen Film, der die Karriere von Jugend-Nationalspielern verfolgt hat. „Der Rasen ihrer Träume” hieß er, glaube ich. Es gibt sicher auch kürzere journalistische Arbeiten. Aber es gibt keinen Film, der so intensiv und über so lange Zeit jugendliche Fußballer begleitet hat. Deshalb können wir Geschichten auch szenisch erzählen, und sind nicht nur auf Interviews angewiesen.
Arbeitet ihr bereits an einem neuen Projekt?
Christoph Hübner: Wir setzen die Fernsehserie „Dokumentarisch arbeiten” fort. Und seit längerem ist ein Film in Vorbereitung über Wassilji Kandinsky und Arnold Schönberg mit dem Arbeitstitel: „Ein Sommer in Murnau”. Und dann gibt es auch die Überlegung zu einem TV-Mehrteiler aus dem ganzen übrigen, ebenso spannenden Material der „Champions”, in dem dann auch noch andere Geschichten und andere Spieler einen Platz finden als im jetzigen Kinofilm.